Vertrauen ersegeln

Dieses Wochenende war ich ausnahmsweise alleine am Boot. Und das bei dem angesagten Traumwetter. Also beschloss ich, zum ersten Mal eine große Runde zu segeln: Über das Ijsselmeer nach Stavoren und binnen zurück. Das war der Test für unseren Pinnenpiloten - einen Evo von Raymarine. Um zu sehen, ob man ihm auch bei schwierigeren Bedingungen vertrauen kann, oder wann er den Dienst quittiert! Vorab: Er hat alles bestens gemeistert. Und es war von Starkwind bis giftiger Ijsselmeerwelle alles dabei. Ohne Pinnenpiloten ist alleine Segeln nicht wirklich gut möglich. Er muss das Boot unter Motor lenken, damit man die Fender hoch holen oder zum Anlegen vorbereiten kann, die Segel setzen kann und auf längeren Strecken auch das WC aufsuchen. Kurzum: Hat man zu ihm kein Vertrauen, ist sicheres und genussvolles Segeln alleine nicht möglich.

Also gegen 9 Uhr auf zur Schleuse. Der Wind war mit 3-5 Bft angesagt - perfekte Bedingungen. Vor mir fahren gerade zwei große Frachter ein, ich kann hinter einem ca 10m langen alten Stahlsegelboot direkt in die Schleuse, ohne am Wartesteiger fest machen zu müssen. Glück gehabt. Aber die Schleusung hat es in sich. Der Stahlsegler, auch einhand unterwegs, schlägt quer und kann mit Glück gerade noch vor Kollision mit der Brücke gegen die Fahrtrichtung fest machen. Ich klettere auf einen Ponton und ziehe ihn noch ein Stück zurück. Der Frachter vor uns ist so voll beladen, dass er nur mit vollem Schub zur Weiterfahrt anfahren kann. Nur mit Teilgas und starkem Lenkeinschlag kann ich mein Boot auf der Stelle halten. Die Verwirbelungen beim Anfahren sind immer noch so stark, dass es mich beim Ablegen sofort quer durch die Schleuse treibt, bevor ich kurz vor Unglück es abfangen kann. Den Festmacher muss ich dazu loslassen -zum Glück schwimmt er und ich kann ihn während der Anfahrt mit dem Bootshaken greifen und einholen. Na, das fängt ja gut an. Dann kommt der Autopilot zum Einsatz, damit ich klarieren und Segel setzen kann. Die erste Stunde geht es noch unter Motor gegen den Wind, dann kann gesegelt werden. Bewusst fahre ich möglichst viel unter Pinnenpilot, um ihn zu testen. Der erste Kaffee -kein Problem. Dann nimmt der Wind deutlich auf 4-6 Bft zu und wie aus dem Nichts rollen 0,5 - 1m hohe Wellen in kurzer Folge schräg von vorne an. Der Bug steigt weit aus dem Wasser und fällt heftig zurück. Kein Wetter für Zartbeseitete. Aber auch hier hält der Pinnenpilot durch, trotzdem steuere ich weitestgehend per Hand. Eine Stunde später fast Flaute. Ich habe inzwischen alles durch: 1. Reff, 2. Reff, ausreffen, Vorsegel verkleinern und wieder voll ausrollen -kein Wetter für Langeweile. Vor der Schleuse Stavoren dann die Übung das Boot zum Warten im Rückwärtsgang im Wind zu halten. Klappt. Das Anlegen ist dann nur noch ein Kinderspiel.

Der nächste Morgen bietet eine tolle Atmosphäre. Nach einem sternenübersäten Nachthimmel mit gut sichtbarer Milchstraße jetzt Nebelschwaden bei aufgehender Sonne. Mittlerer Wind von der Seite verspricht tollen Segelspass. Bei einer Baumabdeckung will ich kurz den Motor zur Hilfe nehmen. Ein kurzer Dreh am Zündschlüssel - ein Klicken, aber der Anlasser rührt sich nicht. Auch nicht bei weiteren hektischen Versuchen. Vorhin  noch problemlos gestartet, jetzt Totalausfall. Schnell überschlage ich meine Möglichkeiten. Die letzten 1,5 - 2 Stunden gehen gegenan und eine Brücke kommt auch noch -ohne Motor nicht zu machen. Intensiv gehe ich die mir bekannte Strecke im Kopf ab, wo ich ohne Motor anlegen könnte, um eine Reparatur zu prüfen. Da kommt nur eine Stelle kurz vor mir in Betracht. Ich habe Glück: Ca 30m Steg sind frei. Aber ohne Motor kann ich nicht bremsen. Mit Glück reiße ich das Gross rechtzeitig runter, rolle das Vorsegel ein, lasse treiben, Vorsegel nochmal kurz raus, dann liege ich fest. Zum Glück kam der Wind von der Seite und trieb mich an den Steiger. Dann ein Telefonat mit einem Bekannten: Der für Notfälle vorhandene Seilzugstarter sollte sich ohne Umbau nutzen lassen. Zweimal reiße ich - nichts passiert. Ach ja, ich muss ja die Zündung einschalten. Ein Riss und der Motor läuft sofort. Argwöhnisch lasse ich ihn im Leerlauf mitlaufen. Klaglos hält er das gut 2 Stunden durch, bevor er statt der Segel den Vortrieb übernimmt. Bis dahin werde ich Minute für Minute entspannter und fange an, tolles Segeln zu genießen. Bis auf 5,8 kn geht das GPS. Ein klasse Ritt über das Heeger Meer und die Kanäle. Bei strahlendem Sonnenschein und Wind von 3 - 5 Bft. Was für ein Wochenende! 

Schleuse Stavoren
Schleuse Stavoren
Alter Hafen Stavoren
Alter Hafen Stavoren

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