Premieren: Bolsward und eine Selbstbedienungsbrücke

Berühmt: Rathaus von Bolsward
Berühmt: Rathaus von Bolsward

Samstagmorgen, auf dem Weg zur Schleuse. Der Wind schlägt uns entgegen, es sind mindestens 4 Bft aus SW, nicht aus SSW, wie vorhergesagt. Eigentlich wollten wir nach Workum, aber das hieße jetzt ca. 2 Stunden aus der Lemmerbucht gegenan Motoren. Das macht keinen Spass. Also Planänderung. Umdrehen, den Brekken hoch unter Vorsegel. Nur damit liegen wir bei 3,5-4,5 kn. Leichte Schaumkronen geben unserer Entscheidung recht, die einfallenden Böen ebenso. Kurzes Überlegen, kurzer Blick in die Karte. Wir waren noch nie in Bolsward, also ein lohnendes Ziel. Aber erst einmal gen Norden Segeln, dann nach Heeg abbiegen und davor im Schutze von Bäumen an einer Marrekriteinsel frühstücken. Es ist erstaunlich voll für die Saison, aber für uns reicht der Platz. Die Sonne scheint, der Wind wird abgehalten -ein perfekter Tagesbeginn. Dann lassen wir uns vom Wind weiter ziehen, an Heeg vorbei nach Workum. Vor dem Stadteingang ist eine Eisenbahnbrücke, die wir bisher immer offen erlebt haben. Auch als wir heran fahren ist grün. 20 m vor dem Erreichen auf einmal rot. Klingeln. Und ohne jede Reaktionssekunde dreht sich die Brücke zu. Umgeben von zwei Falken stoppen ich mühsam ab, der starke Wind ist böig und erleichtert mir das Manöver nicht. Dank der Schubkraft des Motors zieht dieser unser Boot dann klaglos zurück. Wir schaffen es an den Wartesteiger, obwohl das Manöver nicht einfach ist, weil der Wind uns davon wegdrückt. Aufatmen und ungläubigen Anschauen. Zwei Züge und ca. 15 Minuten später öffnet die Brücke wieder und entlässt uns weiter. Wir fahren seitlich an der Ortseinfahrt Workum vorbei und in einer Mischung aus Beimotoren, wenn die Uferbepflanzung den Wind abhält, und gemütlichem Segeln nur mit Vorsegel schlängeln wir uns mit dem Seitenkanal vorwärts. Vorbei an alten Gehöften, neuen Villen und Natur pur. Urlaubsgefühle. Entschleunigung. In zwei kleinen Dörfern erleben wir es erstmals, dass der Brückenwärter die Schranken per Hand zuschiebt, bevor er die Brücke öffnet. Wir bedanken uns gerne und wünschen ein fine weekend. Warten müssen wir nicht. Boote kommen uns entgegen, fast ausschließlich Motorboote, keines zieht mit uns. Es ist bewölkt, die Sonne zeigt sich nur selten. Der Himmel ist in ständiger Veränderung. Wasserwandern par excellence. Der Eingang nach Bolsward führt durch eine Autobahnbrücke. Mit Mühe legen wir auch hier gegen den Wind an den Wartesteiger und sind ein wenig verdutzt. Kein Meldeknopf. Keine Funkkanalangabe. Ich melde uns auf Verdacht auf Kanal 18, erhalte aber keine Antwort. Im Brückenwärterhäuschen ist keiner zu sehen -das heißt aber nichts, viele Brücken sind mittlerweile fernbedient. Dann geht auf einmal die Ampel auf rot grün. Zwei Minuten später stehen die Autos auf der Autobahn und die Brücke entlässt uns in den Wasserring um die historische Hansestadt, die an der früheren Middelzee lag. Langsam fahren wir heran und halten nach Liegeplätzen Ausschau. Fast nur Motorboote säumen die Kanalseiten. Und wir sind auf Alarm geschaltet: Viele Bäume stehen am Rand und machen an vielen Plätzen ein Einparken für uns unmöglich. Mast im Baum brauchen wir  nicht. Aber wir haben schnell einen perfekten Platz genau an der der Stadt zugewandten Kanalseiten gefunden, vis a vis der Brücke. Zufälligerweise ist Tag des Denkmals und noch vor vier Uhr machen wir uns auf in die Stadt. Leider ist das prächtige Rathaus nicht zu besichtigen - nur Dienstags bis Freitags. Aber dafür die alte Martinuskerk, deren Kirchturm eine Zeitlang als Leuchtturm diente. Und überall historische Häuser mit prächtigen Fassaden. Typisch Friesland. Einladend. Pitturesk. 

Den Abend lassen wir in einem sehr guten Restaurant ausklingen. Auf heute war Ausschlafen angesagt, denn die Brücke öffnet erst um 9 Uhr morgens. Dann stehen wir auch schon davor, zwei Motorboote hinter uns. Wieder schlängelt sich unser Kanal durch die Landschaft, heute allerdings häufig in einem Winkel, der Segeln nicht erlaubt. Da wir eine Rundfahrten geplant haben, geht es über Ijlst zurück nach Heeg und dann nach Lemmer. Bis wir uns einer Brücke nähern, bei der wir keinen Brückenwärter sehen. Langsam kämpfen wir uns auch hier gegen den böigen Starkwind an den Wartesteiger und sehen zu unserem Erstaunen eine Anleitung zur Brückenselbstbedienung. Ein Druck auf den großen schwarzen Knopf und die Ampel geht auf rot grün. Wie von Geisterhand schließen sich Schranken und die Brücke dreht. Tolle Idee. Wenige Minuten später stehen wir vor Ijlst an der Eisenbahnbrücke. Rot, also anlegen. Dann entdecken wir ein Schild mit einer Uhr und zwei Einfärbungen: 12 bis 7 in Schwarz, der Rest in Rot. Öffnungszeiten steht darüber. Mist, fünf Minuten zu spät, es ist 20 vor Voll. Kurz vor Voll öffnet dann die Brücke und gibt den Weg frei. Die Sonne begleitet uns fast den gesamten Weg und wir kämpfen uns hart am Wind entlang, ab dem Princess-Margriet-Kanal dann mit Motorunterstützung. 4-6 Bft geleiten uns zum Liegeplatz, der aber die perfekte Abdeckung hat. Hier lassen wir in völliger Wind Abschottung den Aufenthalt mit einem Kaffee ausklingen. Wieder geht ein tolles Wochenende zu Ende. 

Perfekte Lage zur historischen Innenstadt
Perfekte Lage zur historischen Innenstadt
Die Selbstbedienungsbrücke
Die Selbstbedienungsbrücke
Romantik am Wegesrand
Romantik am Wegesrand

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