Höllenritt zurück

Koevordermeer - verharmlosende Perspektive
Koevordermeer - verharmlosende Perspektive

Schon beim Aufwachen spüre ich den Wind. Obwohl das Boot geschützt liegt, verneigt es sich ständig leicht vor ihm. Verstäkte Drücker folgen unregelmäßig. Also auf, es hilft nichts, ich muss zurück. Sorgfältig binde ich direkt das zweite Reff ins Großsegel. Angesagt waren 4-6 Bft, besser also auf Nummer sicher gehen. Beim Ablegen dreht der Wind das Heck wider Erwarten nicht zur Seite - kein Problem, fahre ich die Boxengasse eben rückwärts heraus. Schon auf dem kurzen Stück von Akkrum nach Terherne werde ich von einem kurzen Schauer überfallen. Ich sehe, in welchem Tempo die Wolkenfronten dahin ziehen und ahne Schlimmstes. Die Brücke in Terherne öffnet prompt, dann backbord in die offene Schleuse ins Sneekermeer. Ab deren Mitte sehe ich es am Ende schon brodeln. Das Sneekermeer kocht. Es jagen sich nicht einzelne Schaumkronen, nein die Oberfläche ist schäumend weiß, wie ich es hier noch nie erlebt habe. Aber unter Segeln fährt es sich ruhiger, also hoch mit dem Tuch. Pipi (der Pinnenpilot) steuert, ich kümmere mich um Kurs und Segel. Das Boot legt sich sofort auf die Seite - ich öffne automatisch die Schot. Der nächste Schauer überschüttet mich, gepaart mit harten Böen. Es sind gute 5 Bft im Grundwert, die Böen mit 7 Bft. Ich habe alle Hände voll zu tun und arbeite unablässig mit der Großschot. So schaffe ich es einigermaßen im Fahrwasser zu bleiben, allerdings mehr mittig, als rechts. Das Fahrwasser ist hier der Prinses-Margriet-Kanal, der durch das Sneekermeer verläuft. Dann sehe ich hinter mir auch schon ein Berufsschiff kommen. Sorgenvoll beobachte ich es ständig und versuche mich an die rechte Fahrwasserseite zu kämpfen. Es kommt langsam näher, nur segelnd kann ich es nach Steuerbord auf die Luvseite nicht schaffen. Jetzt hämmert mir ein Hagelschauer ins Gesicht. Ich werfe den Motor an. Aber die Schauerböe ist zu stark. Der Frachter kommt näher. Ich habe die Großschot schon ganz ausrauschen lassen - es reicht nicht. Ich reiße die Hebelklemme des Großfalls auf, um das bißchen Großsegel herunter zu ziehen. Das gelingt mir nur teils. Der Frachter kommt immer näher. Ich versuche kontrolliert in den Wind zu gehen, manuell, ohne Pipi. Geht nicht. Die Krängung wird bedrohlich. Gleich kommt auch noch eine kleine Insel, die das Fahrwasser weiter verengt. Ich lasse als letzte Möglichkeit die Pinne los, um in den Wind zu schießen. Auch das scheitert. Der Bootskörper bietet dem Wind soviel Angriffsfläche, wie ein Segel. Ich lasse Segel Segel sein, greife die Pinne, gebe, was der Motor hergibt und schaffe es, mit bedrohlicher Krängung das Boot wieder auf Kurs zu bringen. Der Frachter ist fast bei mir. Kurz vor ihm erreiche ich den Windschutz der Insel, hänge sofort Pipi an und springe an den Mast. Sekunden später ist das Segel unten. Die Falten werden zwar vom Wind noch aufgeworfen, aber der Druck ist weg. Dann ist der Frachter auch schon neben mir. Erleichtert steuere ich ihn manuell aus, kein Problem. Als die Insel durch ist kommt kurz die Sonne heraus. Die Wolkenformationen ändern sich im Minutentakt. 4-6 Bft waren angesagt, 5-7 Bft ist realistisch. Auf dem Ijsselmeer kein Problem, da kann man weitläufig ausweichen. Auf dem Kanal nicht. Mir ist jetzt klar, dass ich direkt zum eigenen Liegeplatz in de Brekken zurückkehren werde. Langweer macht keinen Sinn und den Anlegestress bei dem Wind kann ich mir sparen. Während die Backbordseite schwarzgrau von der gerade durchgezogenen Unwetterfront ist, strahlt steuerbordseits schon die Sonne. Aber nur als kurze Momentaufnahme. Der nächste Frachter überholt mich kurz vor der Brücke bei Uitwillingerga. Nur ein Segler kurz vor mir hat sein Vorsegel teilweise zum Vortrieb, alle anderen motoren wie ich. Hinter der Brücke wage ich noch einen Versuch: Nein, das Groß bleibt unten, ich will das Vorsegel ein Stück ausrollen. Dummheit bestraft der liebe Gott sofort: Ich habe noch keine 2 qm draußen, da liege auch schon auf der Seite und Pipi kann den Kurs nur grob halten. Also sofort wieder eingerollt. Heute ist Samstag, da sind hier viele Frachter unterwegs. Also immer ein Auge zurück und eines nach vorne. Es bleibt ein ständiger Wetterwechsel.

Dann kommt das Kovoerdermeer. Auch dieses bietet Wind und Wellen langen Anlauf. Zunächst gibt es sich harmlos, dann kommt die nächste Schauerfront. Umgeben von weißen Schaumkronen beschleunigt der Wind das Boot auch ohne Segel um gut einen Knoten. Zum Glück kommt er fast genau von hinten. Das lässt das Boot hin und her schaukeln, drückt es aber nicht grob seitlich ab. Ein paar Polyfalken flitzen quer durch die Gegend, stark gerefft und mit 3 bis 4 Personen auf der hohen Kante. Ein Schlauchboot zieht vier Jollen in den Hafen zurück - Übung für heute beendet. Ich bin froh, als ich das Kovoerdermeer hinter mir habe und die letzte Brücke vor dem Brekken vor mir. In gut einer Stunde habe ich es geschafft. Der Wind ist unverändert stark, aber der Motor schnurrt gleichmäßig vor sich hin. Auf dem Brekken überfällt mich nacheinander eine kurze Schauerböe, dann eine Hagelböe, dann habe ich es hinter mir. Im Zufahrtskanal zum Liegeplatz schiebt mich der Wind von hinten. Ich habe die Fender bereit, drehe in die Box, gebe einen kräftigen Gasschub, damit der Wind mich nicht vertreibt, dann Vollgas rückwärts, um nicht an das Ende der Box zu knallen, greife die am Eingangspfahl bereit hängende Festmacherleine und stoppe das Boot so mit vollem Körpergewicht ab. Es ist geschafft, ich bin es auch.

Der Rest des Tages bleibt extrem windig bis jetzt. Aber fast komplett trocken und mit hohem Sonnenanteil. So ist das halt mit einer wetterbasierten Freizeitgestaltung. Es ist nicht immer eitel Sonnenschein. 

Steuerbord mit Sonnenschein
Steuerbord mit Sonnenschein
... und das der Backbordausblick
... und das der Backbordausblick
Die schöne Seite - windgeschützt bei Terherne
Die schöne Seite - windgeschützt bei Terherne
Die offene Schleuse zum Sneekermeer mit Baumschutz
Die offene Schleuse zum Sneekermeer mit Baumschutz

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