Sonntag: Geigen!

Hindeloopen
Hindeloopen

22°, 13 Stunden Sonne und 3-4 Bft aus Ost war für Samstag angesagt. Traumwetter. Und mit Nordwind, wenngleich auch nur 2-4 Bft für Sonntag versprach Hindeloopen ein lohnendes Ziel zu sein. 22° stimmte, 13 Stunden Sonne auch. Nur den Wind suchten wir hinter der Schleuse vergeblich. Es reichte nicht einmal, um das Parasail zu füllen. Also Motoren, ist ja kein Problem und die frische Luft und Sonne können einen ja auch verwöhnen. Pünktlich 15 Minuten vor der Hafeneinfahrt Hindeloopen frischte dann der Wind auf - na ja, 10 Minuten Segeln ist besser als nichts... 

Was passiert, wenn es warm ist, aber kein Wind? Richtig, dann gibt es regelmäßig Überfall auf dem Ijsselmeer. Tausende von Mücken steigen blasenartig aus dem Wasser empor und setzen sich auf Segel, Deck und alles, was darauf ist. Grauenhaft, aber kalkulierbar. Das ist dann einer der idealen Fälle für Pipi. Die steuert und man selbst geht an den Bug. Dort sind fast keine Mücken, der Fahrtwind ist angenehm und man muss nur ein wenig abwarten. Die Plage ist nach gut einer Stunde vorbei, das Cockpit schwarz von abgestorbenen Mücken. Ein paar lebende hier und da, Riesensauerei, aber das wars im Wesentlichen. Da sowieso motort wird, also langen Stiel ausgepackt, Bürste aufgeklickt und Boot gesäubert. Das hilft bei der Problemlösung und man wird nicht dauernd an die schlimme Plage erinnert...

Dafür waren wir schon um 14.30 Uhr in Hindeloopen, wo wir direkt vorne im Gemeindehafen festmachten. In der dortigen Spezialität: Mit dem Bug zum Steg und seitlich an dem Nachbarschiff. So entsteht eine ganze Schiffreihe, die irgendwie am ersten hängt. Wie Päckchenliegen, nur ohne über andere Boote zu laufen. Wir waren das dritte Boot. 45 Minuten später war die Reihe voll und weitere fünf Boote hatten sich angehängt. Und es ging lustig weiter. Am frühen Abend war dann auch hinter uns ein echtes Päckchen neben der Schleuse gebildet aus vier großen Seglern entstanden, so dass wir keine Chance mehr hatten, rückwärts heraus zu fahren. Leichte Sorgenfalten machten sich bei mir breit. Aber es war ja noch nicht Sonntagmorgen. 

Abends hatte es auf 4-5 Bft aufgefrischt. Die Schaumkronen auf dem Ijsselmeer waren bis in den Hafen gut zu erkennen und ich fragte mich, welchen Wetterbericht sie verwechselt hatten. Na ja. 

Sonntagmorgen gegen 8.30 Uhr legte das vierte Boot hinter uns ab. Prüfend maß ich mit dem Auge die Entfernung und den seitlichen Versatz des dritten Bootes - dort war noch niemand zu sehen. Neben uns auch nicht. Wir mussten aber gegen 9 Uhr weg. Also kurz vor neun an der einen Seite geklopft. Eine Dehler 31 mit deutschem Pärchen. Schlaftrunken tauchte nach einiger Zeit sein Kopf auf. Wir machen jetzt los, weil wir weg müssen. Aha. Es gefiel ihm nicht, aber es half auch nichts. Er weckte seinen Nachbarn, der wiederum den seinen bis ans Ende der Reihe. Denn mit unserer Lücke würden alle ein Boot nach links verlegen müssen, damit wieder Seitenhalt vorliegt. Binnen 5 Minuten waren alle Crews am Steg. Ein leichtes Klopfen an der großen Bavaria mit holländischem Rentnerpaar, an dem wir seitlich fest waren. Sie erschien, verstand, störte sich nicht weiter. Kurze Frage, ob sie etwas tun solle. Ich bat um meine Leine und startete den Motor. Dann hatte ich Glück - der Wind setzte kurz aus. Rückwärtsgang mit etwas über Leerlaufdrehzahl, gerade eingekuppelt. Alle blicken auf uns. Langsam zieht sich das Boot zurück. Ich habe halb eingeschlagen und hoffe, an den Bugkorb der Yacht hinter mir zu kommen, die halb in meine gerade Rückärtslinie ragte, um mich dort heranziehen zu können. Das Boot dreht leicht. Vorne wird sanft mit Hand und Fuß darauf geachtet, die Bavaria nicht zu crashen. Rückwärts sehe ich, dass ich knapp an die Seite komme. Immer noch langsam zieht sich das Boot aus der Lücke. Ich muss mit der Pinne gerade ziehen, sonst rammen wir unsere Seitenfestmacherbavaria. Dann sind wir mit dem Bugspriet mit Anker bei ihr vorbei. Immer noch wenig Wind. Ohne mich am jetzt seitlich liegenden Hinterlieger abstoßen zu müssen  kann

ich gerade parallel zum Boot hinter uns ziehen, jetzt also neben ihm, dann hinter ihm rückwärts herum. Am Steg geschäftiges Treiben -alle Boote werden eins zur Seite verlegt. Ich komme mit dem Heck herum und gebe Vollgas voraus. Langsam dreht sich der Bug, aber durch die Stegreihentiefe komme ich noch nicht vorbei. Nach einmal ein Stück rückwärts, dabei mit Vorwärtsschub dann weiter herum gezogen und es ist geschafft. Jetzt komme ich knapp am letzten Boot vorbei in die enge Gasse, die durch die Päckchen von der anderen Seite nur frei geblieben ist. Ein Sack Steine fällt von mir ab. Das war besser als erhofft. Eigentlich perfekt. Motor in Backskiste direkt vor dem Ruder sei Dank. Wir sind aber sofort in Bereitschaft, denn bei der Hafenausfahrt steht der Wind gegenan. Also sofort das Groß hoch, das ich im ersten Reff vorbereitet habe. 

Was dann für die nächsten zwei Stunden kommt, war mir bewusst. Jeder, der einmal mit Wind und Welle von hinten gesegelt ist, kennt das. Geigen heißt das, wenn das Boot von der Welle seitlich hoch und auf die andere Seite gekippt wird. Und wieder zurück. Ununterbrochen. Ein klarer Fall für Pipi, die die Wellen besser und geduldiger aussteuert, als ich. Statt der 2-4 vorhergesagten Windstärke sind es 3/4 bis 5 Bft. Aber von hinten ist das deutlich entschärft, also Vorsegel raus und ausgebaumt. Mit teilweise minutenlang über 5 kn sausen wir gen Süden. Dabei fühlt es sich eher langsam an. Ununterbrochen stark schaukelnd. Erst hinter dem Vrouwezand, als wir Richtung Ost abdrehen, kommt der Wind seitlich und der Ausbaumer wird wieder eingepackt. Dafür wird es ein heißer Ritt in den Böen. Es ist diesig, aber die Sicht ist mit gut 2-3 sm völlig ausreichend. Die Sonne kämpft sich immer mehr durch die Bewölkung und wir freuen uns, segeln zu können. Nur die letzte halbe Stunde vor der Schleuse zurück ist der Winkel zu schlecht, so dass wir motoren müssen. Wir waren weit schneller, als hinwärts unterwegs und haben Glück, die Schleuse ist offen und nach kurzem Funknachfragen wartet der Schleusenwärter auf uns. Der Wind hat sich auf 4-5 Bft eingependelt, das Wasser ist von Schaumkronen überzogen. Aber das macht nichts. Die Erfahrung der letzten Jahre läßt uns jetzt die richtigen Zeitpunkte fürs Reffen finden und das Segeln streßfrei genießen. Mit uns waren nur wenige Segler unterwegs. Alle anderen haben einen wunderbaren Segeltag verpasst. 

Mückenplage überall...
Mückenplage überall...
Suchspiel: Wo ist die Boundless?
Suchspiel: Wo ist die Boundless?
Typisch schönes Dorf
Typisch schönes Dorf

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Dirk vom H35Peter (Dienstag, 21 Mai 2019 10:33)

    Man, man, man das liest sich ja alles wie ein Segelkrimmi. Sehr schön und kurzweilig. So kann ich vom Sofa aus doch ein wenig in Unserem Revier rumkommen. Toll danke. Machst du alles Alleine oder bleibt die Seemannsbraut nur unerwähnt? Ich bin jetzt ( naja vorher auch schon, nur weniger) Euer Fan und stetiger Leser. Ich kaufe nächste Woche mit nem Kumpel sein neues Boot ( 20 km von Lemmer) und überführe es in Richtung Köln Mitte Juni. Peter wird wohl bis 2020 auf eine Wässerung warten müssen� Macht’s gut und weiter so

  • #2

    Peter (Donnerstag, 23 Mai 2019 22:03)

    Hallo Dirk, Wässerung erst 2020??? Das ist schade für das schönste Boot am Steg ;) Nein nein, die Kapitante bleibt nur unerwähnt, Solotouren liest Du leicht heraus.
    Na, dann bleibst Du durch das Lesen dem Revier ja verhaftet und die Spannung für eine Wiederkehr erhalten. Wir freuen Euch auf Dich, selbst wenn es 2020 werden sollte!
    Herzlichen Gruß und wenig Probleme bei der Überführung des neuen Bootes!