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Schwimmende Insel Ausfahrt Bolsward
Schwimmende Insel Ausfahrt Bolsward

Das Leben kann so gegensätzlich verlaufen. Da die Brücke in Bolsward zum Verlassen der Stadt wie andere auch erst im 9 Uhr öffnet, hatten wir uns den Wecker auf halb Acht gestellt. Ein kurzer Blick frühmorgens hatte schon zwei Ohren auf der Cockpitbank gezeigt, die auch um halb Acht noch da waren. Die Katze hatte also die letzten Stunden an Bord geschlafen und freut sich auf einen Morgenstreichler. Während wir das Frühstück vorbereiten nutzt sie die Gelegenheit für eine Bootsinnenraumerkundung. Als wäre sie hier zu Hause. Aber so ein schwimmendes Zuhause endet bei Abfahrt, was die Katze ohne besondere Regung hinnimmt. Alles in allem ein überraschend angenehmer Besuch. Jetzt aber Ausparken. Hinter uns 2 m, vor uns 1 m Freiraum. Leichter Seitenwind im Kanal. Also vorne los gemacht, hinten auch, aber ich versuche, das Boot vorsichtig vom Steg her am Heck um 180° zu drehen - jedenfalls so weit wie möglich. Das klappt erstaunlich gut und bei ca. 100° steige ich ein und drehe langsam mit Motor weiter. Der Kanal ist nur wenig breiter als das Boot lang, dennoch sieht das super aus. Vorsichtshalber setze ich kurz zurück um dann wieder vorwärts weiter zu drehen. Dann ein hektischer Ruf, Blätter rieseln - ich habe nicht ausreichend auf die Bäume auf der anderen Kanalseite geachtet, deren Äste mal mehr, mal weniger weit in den Kanal ragen. Also schnell ein Stück zurück - das nächste Krachen in den Ästen...  Kann man so dumm sein, nur nach vorne zu achten und hinten dann zu übersehen? Ja, man kann! Mit der nächsten Drehung bin ich aber durch und Glück gehabt, nichts passiert... Die Wanten haben einen paar Blätter und kleinere Astspitzen rasiert, das wars. Ein kurzer Austausch mit dem Holländer hinter uns, der von seinem mastlosen Platti die Aktion mit verfolgte, nun, so haben wir ein bißchen Hafenkino geboten... 

Zeit haben wir nicht wirklich verloren, kurz vor 9 Uhr warten wir vor der Brücke. Mitten in der Anfahrt schwimmt eine kleine Schilfinsel, begleitet von ein paar Enten. Na denn. Es ist noch Doppelrot, also warten und so gut es geht mit rückwärts und vorwärts auf der Stelle halten. 9 Uhr, nichts passiert. 5 nach 9, immer noch Doppelrot. Ich bin leicht nervös, aber natürlich finden wir ad hoc nicht den richtigen Funkkanal. Ich probiere es auf 84, erhalte aber keine Antwort. 10 nach 9 - unverändert Doppelrot. Kurz darauf dann endlich Rot, dann Rotgrün, es bimmelt und die Schranken gehen runter. Die Brücke öffnet sich, ich gebe Gas - und der Motor geht aus. Kein Problem denke ich, nochmal gestartet - nichts. Nervös ein dritter Versuch - vergeblich. Das gabs noch nie. Also welcher Plan jetzt, auf die Brücke zutreibend? Ein kurzer Blick, dann entschließe ich mich nach backbord abzudrehen. Mit Glück könnte ich das Stegende erreichen oder sonst im Schilf anlehnen. Das Motorboot hinter mir fragt höflich, ob es vor kann. Natürlich. Dann bei einem weiteren Versuch startet der Motor wieder. Ich gebe Gas, er hält. Ich drehe den Kreis fertig und bin hinter dem Motorboot durch die Brücke. Was für Gefühlsgegensätze schon zu Tourbeginn. 

Dann gehts durch die Kanäle zurück Richtung Ijlst. Idyllisch wie immer, Flora und Tierwelt genießend. Immer gibt es etwas Neues zu entdecken und es ist T-Shirtwetter. Zunehmend heiß, aber es weht mit gut 3 Bft angenehm kühlend. Uns wird eine Mischung aus Motoren gegen den Wind und Segeln geboten, die für den Zickzackkurs völlig in Ordnung ist. Groß hoch und runter ist für uns Sekundensache. Ab Heeg ist dann Massentourismus angesagt, mit allen negativen Konsequenzen. Fahrregeln sind außer Kraft gesetzt, Rechtsfahrgebote interessieren nicht jeden und Überholen mit 2 m Seitenabstand durch große Mobos, während man mit Schräglage segelt, an der Tagesordnung. Rücksichtnahme und Sicherheit spielen keine besondere Rolle, aber aufregen hilft auch nicht weiter. Den Gegenwind auf dem Brekken nutzen wir aus Freude zum Kreuzen und kommen mit etwas mehr als 14 Wenden auch zum Ziel. Ideal bei über 30° im Schatten. Und wieder einmal wissen wir, warum wir uns einen Liegeplatz in einer Unterbrechung der Baumreihe davor ausgesucht haben: Als einer der wenigen Liegeplätze haben wir bei vorherrschenden Süd-oder Südwestwinden auch ein leichtes Lüftchen am Boot. Noch ein letztes Croissant mit selbstgemachter Orangenmarmelade und dann heißt es Packen für zurück. Vier tolle Tage gehen zuende. Und das lange Pfingstwochenende steht vor der Tür. 

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