Extreme

Abendfrieden vor Joure
Abendfrieden vor Joure

Vormittags war Regen angesagt und es regnete. Ab mittags war trocken und 4 Bft angesagt. So live aus Kanal 1 vom Revierfunk Lelystadt. Also raus um kurz nach 11 Uhr, als der Regen aufgehört hatte und ein Blick in den Himmel die Hoffnung auf keinen neuen Regen ergab. Erst einmal Richtung Schleuse, weil bei Nordwind drehend auf West ein Rauskommen aus der Lemmer Buch problemlos schien und dann hoch Richtung Stavoren. Kurz vor der Schleuse nahm der Wind erheblich zu. Die Ampel schaltet auf Grün, da kommt die außerplanmäßige Durchsage auf Kanal 1: Ijsselmeer aktuell 6 Bft aus Nord. Was soll das denn??? Da wir direkt vor der Schleuse waren, wollten wir die Lage direkt vor Ort checken, als rein in die Schleuse. Mit jeder Menge anderer Segler, allerdings auf großen Charterbooten. Die Schleuse geht auf, wir fahren los und direkt hinter der Schleuse, also ohne deren Windschatten, liegen wir mit gut 30+° auf der Backe. Ohne Segel gehisst zu haben! Noch ein paar Meter getestet, dann war klar: Das ist für uns kein Wetter für das Ijsselmeer, also retour. Direkt wieder rein in die Schleuse, die noch offen war, weil zunächst ein wartender Frachter langsam einfuhr. Was der Schleusenwärter sich wohl gedacht hat...

Ein kurzer Blick danach auf den Brekken versprach auch keinen Segelspass, weil Wind genau von gegenan, damit sind wir zurück auf den Liegeplatz. Da haben wohl einige Stegkameraden gegrinst... 

Was solls, wir segeln ja aus Spass, also wurde erst einmal die vorbereitete Treppenstufe eingebaut. Nein, ich will hier nicht das Fluchen über polnischen Bootsbau anfangen. Aber warum um Himmels willen werden Treppenstufen und deren Halter untendrunter vollflächig mit der Niedergangswand verklebt??? Wer mit Holz arbeitet weiß, dass man das nicht ohne Zerstörung des Oberfurniers ablösen kann... So wird aus einer 20 Minuten Aktion ein 2 stündiges Nervendrama. Am Schluss ist die Stufe dran, das ist die Hauptsache.

Gegen 16 Uhr war dann die Sonne auch kontinuierlicher zu sehen, der Wind etwas abgeflaut, also los, zweiter Versuch. Nein, nicht auf dem Ijsselmeer, dazu war es zu spät, noch einen Hafen anzulaufen. In der Saison wird es ab 16 Uhr schon schwer, einen Liegeplatz zu finden. Erst einmal den Brekken hoch probieren. Und es klappt, der Wind hat auf westlicher gedreht und wir segeln nordwärts. Die Laune steigt und der Ärger über die Treppenstufenverklebung gerät immer mehr in den Hintergrund. Es ist ruhig und friedlich, nur wenige Segler sind unterwegs. Kurze Überlegung wohin - egal, aber wir wollen noch ein wenig segeln, also weiter nach Norden, nicht ins zu nahe Tjeukermeer. Vielleicht übernachten wir irgendwo an der Seite an einer Marrekritestelle. Der Wind nimmt stetig ab, aber es reicht, um auf dem Princess-Margriet-Kanal mit guten 3, manchmal 4 kn gelassen vorwärts zu kommen. Selbst auf dem Koevordermeer sind wir fast alleine. Nein, wir wollen noch weiter genießen, also auch durch die Brücke bei Uitwillingerga. Kurz dahinter geht ein kleiner Kanal als Verbindung zum südlichen Teil des Sneekermeeres ab. Ja, lass uns dort hinein Richtung Joure segeln. Mit 2 kn, danach nur noch 1-2 kn gleiten wir dahin. In fast vollkommener Ruhe. Nur durchbrochen durch das Rufen verschiedenster Vögel, die wir mit dem Fernglas zu entdecken suchen. Der Kanal schlängelt sich durch die Natur, wir mittendrin. Selbst die Marrekriteanleger auf dem Weg sind nicht voll belegt - selten für die Jahreszeit. Aber auch dort ist friedliche Stille. Wir spüren eine tiefe Verbundenheit mit der Natur und vergessen die Sünden der Zivilisation. Ja, es wird spät und später, aber es ist warm, die Sonne scheint und wir haben überhaupt keinen Drang, den Motor anzuwerfen. Und wir wollen auch noch nicht anlegen, sondern nur genießen. Nur an zwei durch Bäume windabgedeckten Stellen schalten wir kurz den Motor dazu, um diese zu überwinden. Und in der Schleuse nach Joure, die immer offen steht. Wir sehen wieder Austernfischer und Bleßhühner mit ihren Jungen. Und viele weitere Vögel, die uns mit Anblick und Rufen erfreuen und eine Illusion einer heilen Welt vermitteln. 

Gegen 20.40 Uhr sind wir in Joure. Jetzt gehen wir aufs Ganze und fahren am Passantenhafen vorbei. Langsam, ganz gemütlich zum Ende des Einfahrtskanals. Und wir haben Glück: Wo sonst immer alles belegt ist können wir problemlos am Ende und damit direkt am Beginn der Fußgängerzone festmachen. Die Sonne schickt ihre letzten Strahlen durch unseren Niedergang und kurz nach 21 Uhr gehen wir zum Italiener in der Fußgängerzone, bei dem wir schon öfter sehr gut gegessen haben. Mit Pasta mare a la Chef schließen wir mit einem Tag ab, der von Extremen geprägt war. Die Entschleunigung war wunderbar und schneller können wir ja ab Donnerstag immer noch. Der für die nächsten Monate letzte Brückentag steht dann an. 

Ach ja, dass heute nur der erste Teil zurück bis zum südlichen Ende des Sneekermeeres gesegelt werden konnte, weil dann der Wind gegen stand, war uns vorher bewusst. Das macht nichts. Der Genuss gestern war tiefgreifend und zwei oder drei Stunden zurück motoren ist dann halt auch einmal die Kehrseite. Dafür war es trocken und mit dem Fernglas sogar ein paar Löffler zu entdecken. 

Joure
Joure
Austernfischerpaar
Austernfischerpaar

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