Der kleine Samstag-Horror-Trip

Herbstlich unterwegs
Herbstlich unterwegs

Die erste Bö drückte uns sofort auf die Seite und luvte zum Sonnenschuss an. Das Boot war nicht zu halten, obwohl wir kein Vorsegel und nur das Groß im zweiten Reff hatten. Und fast genau gegenan motorten, den Segelrest also mehr als Stützsegel gesetzt hatten. Hastig öffneten wir das Großfall, aber der Sturm war plötzlich da, das Ijsselmeer färbte sich binnen Sekunden weiß und die größten Wellen, die ich in 9 Jahren Ijsselmeersegeln gesehen hatte, rollten auf uns zu und unter uns durch. Ich ließ die Pinne los, weil das Boot nicht zu halten war. Nach der zweiten Runde Sonnenschuss kroch ich trotz der Schräglage von 30°+x nach vorne und riß den Rest Großsegel nach unten. Schnell wieder nach hinten, Motor auf Vollgas und in den Wind gehalten. Der Strand zwischen Hindeloopen und Stavoren lag nicht weit entfernt. Das war also jetzt die Sturmfront mit 7 Bft (Böen damit darüber), die vor wenigen Minuten über Kanal 1 angekündigt worden war. Der Motor ächzte unter der Last der Wellen, die das Boot hoch warfen und wieder herunter krachen ließen. Nach zwei Runden abdrehen und neuem Versuch konnte ich das Boot dann in den Wind bringen. Wir standen ca. 400 m vor dem alten Hafen Stavoren, von Workum gekommen. Was war passiert? 

Die Wettervorhersage für Freitag, den 1.11. war mit 4-6 Bft so, dass wir bei südlichen Winden raus aufs Ijsselmeer wollten. Dann eben Samstag binnen zurück, wo 6 Bft angesagt waren. Raus aus der Schleuse lief es selten gut. Der Wind trieb uns mit 5-6 kn vor sich her. Fast durchgehend standen die 5+x auf dem GPS. Wir flogen nur so durch das Ijsselmeer. In gut 3 Stunden waren wir schon querab Stavoren. Weil es so schön lief, gönnen wir uns noch ein Stück und wollten nach Workum, da es von dort aus binnen auch eine schöne Tour zurück ist. Es war ein heißer Ritt mit vielen Aus- und Einreffungen von Vorsegel und Groß. Fast alleine auf dem Ijsselmeer ein toller Segelspass. Kräftezehrend, aber toll. Trotz teils unangenehmen leichten Regens. 

Wir waren dann 16.10 Uhr an der Schleuse Workum, die normal bis 16.15 Uhr bedient wird, aber schon Doppelrot hatte. Verfrühte Kaffeepause? Mitnichten, auch 17.15 Uhr war noch Doppelrot. Da es schon dunkel wurde, übernachteten wir vor der Schleuse. Aber auch am nächsten Tag Doppelrot. Offensichtlich gibt es ab 1.11. keine regelmäßige Öffnung mehr. Also zurück nach Stavoren. Der Wind war mit 6 Bft heftig angesagt, genau von gegenan, aber was hilfts? Nichts! Also los. Zweites Reff im Groß suchten wir einen Kurs, der uns nicht zu weit von Stavoren weg führte, aber auch nicht zu stark nur gegenan. Der Wind kam aus SW. Kaum aus dem Zufahrtskanal heraus die erste Sturmwarnung von Kanal 1. 6 Bft. Tja, das hatten wir schon so aufgrund Windfinder gewusst und waren darauf eingestellt. Wir hatten einen fast genau westlichen Kurs anliegen, der nicht  so voll gegenan bedeutete, aber leichtes Stützsegel erlaubte und in Kombi mit dem Motor noch einigermaßen verträgliche Fortbewegung. Wir mussten ja nur irgendwie die gut 5 sm nach Stavoren schaffen, dort durch die Schleuse waren wir dann geschützt. So der Plan. Als der weiteste Ausleger von Stavoren fast genau südlich war, änderten wir den Kurs gen Süden. Auch das war noch in der Komfortzone. Die Wellen waren nicht zu steil und die Folge erträglich. Das Rollen unter dem Boot hindurch gab Schräglage, aber alles im grünen Bereich. Ca. eine halbe Stunde, bevor wir Stavoren mit unserem Tempo von ca. 3 kn erreichten, dann die Durchsage der nächsten Sturmwarnung für 7 Bft. Wir waren ja relativ nah am Ufer und auch nah an Stavoren, also hofften wir, dass wir Stavoren erreichten, bevor der Sturm bei uns ankommt. Was hätten wir auch anderes tun sollen?

Und dann war er da, mit einer gewaltvollen Bö. Siehe oben. Wir waren schon weiter gen Strand gespült, bevor wir wieder die Kontrolle über das Boot hatten. An Segeln war nicht zu denken. Legerwallsituation bei uns. Der einzige Segen war wieder einmal die Erkenntnis, dass die seinerzeitige Entscheidung beim Außenborder für die Schubvariante (Bigfoot) die richtige war. Auch jetzt kämpfte er das Boot in den Wind zurück. Das hohe Freibord bot den Böen immer wieder Angriffsfläche, uns Richtung Land zu drücken. Selbst extremer Gegenwinkel des Ruders half nicht. Aber immer wieder kämpfte sich der Motor zurück. Mit 1,3 bis 2,0 kn. Mit ständig hoch fliegende und stark herunterfallendem Bug. Aber der Motor schnurrte in Vollgas, als sei ihm das alles egal. Er tat einen so guten Job, dass tatsächlich keine Angst aufkam, trotz der Umstände. Der Sturmlärm war ohrenbetäubend. Extrem kritisch hielt ich den Steinwallausläufer des alten Hafens von Stavoren im Blick. Nur nicht dagegen gedrückt werden. Ich suchte einen Kurs zu halten, der sich möglichst weit davon frei hielt, aber die Möglichkeit bot, dort einzubiegen, wenn die Wellen das erlauben sollten. Über eine Stunde kämpften wir verbissen um jeden Meter. Mit Erfolg. Zu allem Überfluss kam dann auch noch ein Zweimasterplattbodenschiff aus dem alten Hafen und nahm Kurs auf uns. Ich konnte nicht ausweichen. Aber das Platti hatte unsere Situation richtig eingeschätzt und hielt uns von seinem Kurs nach Norden frei.

Irgendwann waren wir dann auf der Höhe der Einfahrt in den alten Hafen. Der Sturm trieb die Wellen direkt in die Einfahrt. Ein Geschenk? Nein, ganz sicher bewusst so zum Schutz der Fischer zur Hauptwindrichtung angelegt. Und auch ich wagte es. Direkt hinter der Einfahrt verlor sich schon das hohe Wellenbild. Also Vollgas, in die Wellenflussrichtung gedreht und in Rauschefahrt in die Einfahrt. Es klappte perfekt. Kurz danach geht es rechts ins Hafenbecken. Dort war es fast windstill. Die hohen Kaimauern und die Häuserbebauung schirmten uns perfekt ab. Das Anlegen klappte ohne Probleme, es lag nur ein weiteres Boot im Hafen. Wir wollten gerade die Leinen festmachen, kam ein älterer Mann aus einem der Häuser zu uns gerannt, um zu helfen. Er habe uns die ganze Zeit zugesehen und mit uns gebangt. Er habe auch schon überlegt, den Hafenmeister zu suchen, ob man eine Hilfsaktion für uns starten müsse. Er war sichtlich erleichtert uns heil zu sehen. 

Das war das härteste Erlebnis, das ich bisher beim Segeln hatte. Erstaunlicherweise hat sich unser Schwertboot toll geschlagen. Da der AB im Schacht ist, ist er auch nie ausgetaucht. Ich wunderte mich selbst über mich, dass ich keine Angst gespürt hatte. Sorge ja, Angst nein. Ich habe gespürt, dass das Boot es abkann. Und dass die richtige Vorbereitung extrem wichtig ist. Eine hohe Wantenspannung. Ein durchgesetztes Achterstag. Ein zuverlässiger Motor. 

Eine halbe Stunde später war der Spuk vorbei. Die See beruhigt und noch ca. 5-6 Bft. Also sind wir raus und zur neuen Schleuse gefahren. Die öffnete sofort auf Funkanfrage und ließ uns reibungslos passieren. Dann kurz Tanken, Fäkaltank absaugen, weil kostenlos und gegenüber der Wassertankstelle. Und weiter ging es Richtung Heeg und Lemmer. Der Wind bließ mit 5-6 Bft aus SW, perfekt um die Strecke bis zum Princesmargrietkanal zu segeln. Auch hier gerefft, aber mit viel Freude. Danach kam das Unvermeidliche, aber man kann ja nicht alles haben: Das letzte Stück gegenan. Aber das Schicksal hatte noch eine weitere Überraschung an diesem Tag parat. Im Koevordermeer sahen wir eine Bavaria 36 neben dem Fahrwasser. Wir waren fast vorbei, da sahen wir sie winken. Ein Besatzungsmitglied hing schon hinten am Baumende überm Wasser - alles klar, die sind fest gefahren. Was sollten wir mit 9,9 PS da helfen? Da aber weit und breit kein anderes Boot zu sehen war, sind wir vorsichtig hin gefahren. Schwert deutlich hoch, das Ruder klappte wenige Meter neben dem Fahrwasser auch hoch. Und die sind mit ihrem Charterschiff mit wie sie uns dann sagten 1,65 m Tiefgang in den kleinen Kanal, den nur flachgehende Sloepen befahren. Und beim Rausfahren stecken geblieben. Aber wir konnten gegen den starken Wind auch nichts ausrichten. Nach verschiedensten Befreiungstaktikversuchen einschließlich Verbringung deren Ankers mit Aufnahme eines der Schiffsführer bei uns, der zwischendurch fast über Bord gegangen wäre, mussten wir  nach gut 45 Minuten aufgeben. Der Lohn war, dass wir jetzt im Dunkeln die Reststrecke nach Hause fahren mussten. Kurz vor 18 Uhr waren wir an der Spannenburgbrug. Es war dunkel, aber nur einfach Rot. Ein Griff zur Funke und dann die Erleichterung: Brücke wird problemlos geöffnet. Die letzte Stunde dahinter zum Liegeplatz wurde dann durch den Nachtmodus des Plotters erleichtert. Auch das Rückwärtseinparken klappte gut, weil der Liegeplatz windgeschützt ist. Was für ein Tag. Zeit für eine Belohnung in Form eines Essens im La Gondola in Lemmer. Der Tag hat mehr geboten, als wir gewollt hatten... 

Heute dann den Motor für die Wartung ausgebaut, das Boot fast komplett leergeräumt und sich für die nächsten Wochen verabschiedet. Bei schönstem Sonnenschein und 14° C. Ein erlebnisreiches Wochenende geht zu Ende. 

Vor de Schleuse Workum
Vor de Schleuse Workum
Am Abend vor der Schleuse Workum
Am Abend vor der Schleuse Workum

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